Wir „bauen uns zu“ trotz Klimanotstand

Der Flächenverbrauch für Siedlungen und Verkehr hat Auswirkungen auf die Umwelt. Versiegelte Flächen schaden Böden und begünstigen Hochwasser. Die Zersiedelung erzeugt zudem mehr Verkehr. Die Bundesregierung will den Flächenverbrauch bis 2020 auf 30 ha pro Tag und bis 2030 auf weniger als 30 ha pro Tag senken. Das integrierte Umweltprogramm des BMU formulierte für 2030 ein Ziel von 20 ha pro Tag.

Anhaltender Flächenverbrauch für Siedlungs- und Verkehrszwecke
In Deutschland werden stetig neue Flächen für Arbeiten, Wohnen und Mobilität belegt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts hat sich die Siedlungs- und Verkehrsfläche von 1992 bis 2017 von 40.305 auf 49.505 Quadratkilometer km² ausgedehnt. Damit ist die Siedlungs- und Verkehrsfläche in den letzten 25 Jahren um 9.199 km² bzw. 22,8 % angestiegen (siehe Abb. „Siedlungs- und Verkehrsfläche nach Art der tatsächlichen Nutzung“). Rechnerisch entspricht dies einem Zuwachs von durchschnittlich 101 ha oder etwas mehr als 1 km² pro Tag. Mit Blick auf die Teilflächen dehnte sich die Siedlungsfläche um 31,8 % und die Verkehrsfläche um 9,8 % aus. Der Zuwachs der Siedlungs- und Verkehrsfläche vollzog sich in weiten Teilen zu Lasten der landwirtschaftlich genutzten Fläche.
Es ist zu dabei zu beachten, dass Flächenverbrauch etwas anderes als Bodenversiegelung ist.

Zukünftige Entwicklung
Trotz der tendenziellen Verlangsamung bei der Flächeninanspruchnahme für Siedlungen und Verkehr ist Deutschland bislang noch ein gutes Stück von der Erreichung des 30-Hektar-Ziels entfernt. Falls sich die Entwicklung wie in letzten fünf Jahren fortsetzt, wird das 30-Hektar-Ziel für das Jahr 2020 sowohl im Einzeljahr als auch im 4-Jahres-Mittelwert verfehlt. Für das Jahr 2030 würde eine stetige Fortsetzung des Trends es jedoch ermöglichen, sogar ein 20-Hektar-Ziel einzuhalten.

Allerdings ist keineswegs sichergestellt, dass dieser Trend anhält. Im Jahr 2017 wurde durch eine Novelle des Baugesetzbuchs (BauGB) und der Baunutzungsverordnung (BauNVO) mit der Einführung des Urbanen Gebiets zwar dichteres Bauen in Siedlungen erleichtert, gleichzeitig wurde aber mit der Einführung des § 13b BauGB die Erweiterung von Siedlungen im Außenbereich erheblich vereinfacht und damit allen Bemühungen zur Innenentwicklung und Revitalisierung von Ortskernen entgegengewirkt. Diese Regelung ist zwar bis zum Jahr 2019 befristet, aber auch bis dahin kann erheblicher Schaden angerichtet werden.

Insgesamt besteht bei anhaltendem Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum und intensiver Bautätigkeit die Gefahr, dass der Flächenverbrauch auch über das Jahr 2019 hinaus weiter zunimmt. Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes könnten bis 2030 mehr als 3.000 km² Landschaft verloren gehen, eine Fläche deutlich größer als das Saarland.

Um die Nachhaltigkeitsziele für die Jahre 2030 – und möglichst auch für das Jahr 2020 – doch noch sicher zu erreichen, sollte deshalb die konsequente Weiterentwicklung von zielführenden planerischen, rechtlichen und ökonomischen Instrumenten zum Flächensparen und deren Umsetzung in der Praxis vorangetrieben werden. Gleichermaßen sollten innovative Ansätze – wie zum Beispiel der Handel mit Flächenzertifikaten – konsequent gefördert werden. Je zügiger Maßnahmen ergriffen werden, desto weniger Landschaften und Böden gehen am Ende verloren.

Umstellung der Erhebungsmethodik im Jahr 2016
Für das Jahr 2016 sind die Daten nur mit Einschränkungen belastbar, weil in diesem Jahr eine Umstellung der Erhebungsmethodik der Datengrundlage vom automatisierten Liegenschaftsbuch (ALB) zum amtlichen Liegenschaftskataster-Informationssystem erfolgte. Damit ging eine leicht geänderte Nomenklatur einher und es änderte sich zum Teil die Zuordnung einzelner Flächennutzungstypen zu den Oberkategorien.

Insbesondere wurde die Unterscheidung zwischen den Oberkategorien „Gebäude- und Freifläche“ sowie „Betriebsfläche ohne Abbauland“ aufgehoben. Des Weiteren gab es eine Verlagerung von Gebäude- und Freiflächen für die Erholung zu den Erholungsflächen und teilweise von Gebäude- und Freiflächen für Verkehrsanlagen zu den Verkehrsflächen. Diese Umgruppierungen sind für die Berechnung des Indikators „Siedlungs- und Verkehrsfläche“ aber nicht relevant, weil sie innerhalb der Siedlungs- und Verkehrsflächen erfolgten.

Relevant für den Indikator „Siedlungs- und Verkehrsfläche“ sind hingegen Verlagerungen von Nicht-Siedlungs- und Verkehrsflächen in die Siedlungs- und Verkehrsfläche (Historische Anlagen, Nicht-militärische Übungsplätze, Betriebsflächen Land- und Forstwirtschaft) bzw. eine Verlagerung von Gebieten, die bislang zur der Siedlungs- und Verkehrsfläche zählten, in andere Kategorien (Verkehrsbegleitfläche Gewässer). Während die Auswirkungen dieser Umstellung in einigen Bundesländern kaum sichtbar sind (z.B. Baden-Württemberg), gab es in anderen Bundesländern für das Jahr 2016 deutliche Verwerfungen in der Zeitreihe (z.B. Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern). Auch im Jahr 2017 sind die Umstellungsarbeiten in 4 Bundesländern (Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Thüringen) immer noch nicht abgeschlossen.

Baupolitischer Sprecher Daniel Schulz:
Der beschränkte Horizont der Politik lässt eine Diskussion zur Entsiegelung von Flächen nicht mal zu. Dabei wissen alle wie fatal die immer zunehmende Versiegelung für unser Klima ist. Innenstädte heizen sich immer mehr auf, das Straßenbegleitgrün stirbt an Wassermangel, wichtige Frisch-und Kaltluftschneisen werden zerstört. Das Mikroklima in den Städten verschlechtert sich unter dem Vorwand der innerstädtischen Verdichtung. Gerade in Marl wo krampfhaft nach Flächen für sogenannte „gehobenere Wohnbebauung“ gesucht wird liegt die Lösung auf der Hand. Zahlreiche Immobilien wurden von Großkonzernen dem Verfall überlassen und es bilden sich kleine Ghettos. Statt immer neue Flächen zu versiegeln, sollten mutige Investoren dort Sanieren oder gegebenenfalls abreißen und neu Bauen. Es kann nicht sein das jeder aufgegebene Spielplatz, jedes vernachlässigte Wäldchen oder unrentable landwirtschaftliche Flächen der Versiegelung zum Opfer fallen.

Fazit
Alle vom Rat beschlossenen Bauprojekte MÜSSEN unter dem Gesichtspunkt der klimatischen Auswirkungen nochmal auf den Prüfstand gestellt werden. Es kann nicht sein das die Gewinnmaximierung der Investoren über einer nachhaltigen und klimafreundlichen Stadtplanung steht!

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